Sonntag, 8. Oktober 2017

Klassentreffen 17



Klassentreff 2017

Eben und deshalb gehe ich nicht gern zu den Abiturienten. Dort wurde ein elitäres Kollern über Lebensleistungen ausgetauscht, das mit unserer Realität nichts zu tun hatte. Wir alle kamen aus armen Verhältnissen und fanden das Leben der anderen nicht schäbig, sondern eben dazu gehörig.

Auch unter Volksschülern gibt es gewaltige Einkommensunterschiede. Aber der Banknachbar, die Mitschülerin ist das vertraute menschliche Du geblieben. Die Bandmitglieder x und y, die die Kämpfe zwischen Stones und Beatles mitverfolgen, die Discobesucher, Malocher und Sesselfurzer. All sie träumten von einer offeneren, gerechteren Welt als die der oft noch prügelnden Väter. Das war schön.

Die letzte Wegbiegung ist ereicht.

Ich komme bewegt vom Klassentreffen - man sieht den noch passablen Zustand, kommt aber ins Grübeln zum Wer - bin – ich?, was ist mein Ort? und wie lange noch?- da redet im Radio "der" Kraushaar über die 68er.

X hat Jahre den "Kuchen" aus den Weinfässern geholt, mit Schwefel die Tanks desinfiziert, bis ihm die Gase die Lunge zerfraßen. Danach durfte er im Kohlekraftwerk, morgens um 5 raus, abends um 8 heim, sauber machen. Danke! Er schimpft nicht über sein Schicksal.

Einige sind erfolgreich. Auch ich bin "etwas geworden". Ordentliche Arbeit und eine Menge glücklicher Umstände, wie wohl stets bei "Erfolg". Wenn mir zwischen der Zukunft und dem Nichts noch etwas Zeit bliebe zum Nachdenken, wäre das nicht schlecht.

Noch bin ich voll Wollen, kann ich mich über das überdimensionale Darstellen der studentischen Avantgarde ärgern. Mit Brecht: hatte Napoleon nicht wenigstens einen Koch dabei? Dutschke nicht einen Genossen?

Was wären all die Helden und sonstigen Koryphäen ohne den Alltagsmut der Vielen gewesen, die mit ihren frechen und auch braven Diskussionen die Jusos stärkten, die junge Union zur Besinnung auf Toleranz und Christentum brachten, die Julis weg von Kapital hin zu einer fairen Justiz?

Er, Kraushaar, würde die 68er Bewegung lieber als die antiautoritäre bezeichnen. Das müsste er aber weit weg von den Helden der Bewegung begreifen, die alsbald zu eben den "autoritären Arschlöchern" wurden, als die sie Gegner in den Diskussionen „entlarvten“: Monologisten, Ab- und Ausgrenzer, Hexenverbrenner, Ideologen des esoterischen Faschismus von linken Sekten. Antiautoritär und chaotisch, das waren wir: Diskotänzer, Musiknarren, aufmüpfige Azubis und etwas zuviel fantasierende Schüler.

Auch 68er also fälschen Geschichte, wenn man unter Geschichte die Erfassung des "Ganzen" oder auch nur des "Wichtigen" versteht. Wozu die Aufregung? Mit meinem letzten Wimpernschlag wird dies alles mit vergehen.

Auch die "alten 68er" da unten haben inzwischen andere Meinungen. Von Putin-, Merkel-, Trump- und Schulz - Versteher bis zur AFD und immer noch - wieder heimlichen Linken sind wohl alle dabei. Aber 68 wirkt spürbar noch immer. Z.B. im "lassen".

Und manchem geht es schlecht und er/sie wendet sich ab von der alten Hoffnung nach rechts. Aber keiner von ihnen hat eine Wendung wie Fischer, Schily oder gar Mahler vollzogen. Das war keine kleine radikale Minderheit. Die fuhr schon Mercedes, als das 68er Volk noch mit der Ente unterwegs war.

Und cum grano salis: War die Avantgarde nicht mindestens ebenso stark an Esoterik und an Sekt und Kaviar im SPD-Kader beteiligt wie an linker Wende? X hat den Kuchen aus den Fässern geholt, auf deren Wein Ihr Euch heute so gut versteht wie damals auf die feinen Differenzen zwischen Stalin und Mao. In Kambodscha starben dann Leute wie iX und Du. Der Wein liegt schwarz auf der Hefe.

Ich freue mich trotzdem über unser Glück, dabei gewesen zu sein und ein paar Sandkörner mitbewegt zu haben.

Karlsruhe 8.10.17

Sonntag, 1. Oktober 2017

Texthinweis "Durch Karlsruhe"

Ein Tagebuchtext im Seniorenzimmer:

https://klauswachowski.blogspot.de

Samstag, 30. September 2017

Rousseau an Czerni 1923

Skizze zu Rousseau bei Betrachtung seines Urwald-Bildes

Rousseau an Czerni

Ja, ich male so und nicht anders. Und natürlich: es gefällt nicht. Warum auch? Wir sind unterschiedlich. Warum soll ich es vor Eure Augen hängen?

Und natürlich: es schmerzt. Denn es zeigt mir wieder, wie sehr fern ich von der Welt bin, von der ich glaubte, sie sei meine.

Und natürlich: ich male weiter im Wissen, daß meine Geschenke peinlich sind. So sehe ich meine Welt verschwinden.

Noch farbiger werden meine Bilder, noch stärker wird die Abscheu davor. Meine Welt verlangt von mir Schwarz - Weiß.

Was ist so schlimm daran? Nicht Glück scheint der Sinn von Leben. Es ist Leben. Und so mehr.

Ich male bunt und innen steigt die Trauer.

Ihr aber geht woanders hin! Ich habe nichts da in Schwarz- Weiß.

30.9.2017

Dienstag, 26. September 2017

Die Keule, Kunstwerk von wem noch mal?

Haltestelle ZKM

Die Keule, 6faches Kunstwerk aus 1997.

Sie ragt in den öffentlichen Raum. Festgezurrt und eingeschraubt. Pech: Zwei sind schon umgehauen und entsorgt. Schicksal des Narziß. Wie auch des Individuums.

Das Plattmachen besorgt in der Regel die Jugend. Ungeduld des Herzens, die das Einfluten des Vergessens nicht abwarten kann.

Während das Vernichten der gealterten Person per Alc bzw per Musik geschieht, deren Einfüllung in der Jugend erfolgte.

Samstag, 23. September 2017

Wondratschek verweigert sich

Der erste Eindruck nach dem Interview mit Wondratschek ist der von großer Enttäuschung und Depression.

Das Verschwinden im Alter merkt wohl der ehemals Berühmte am schmerzlichsten. Die Verlage kaufen nicht mehr von Dir? Es liegt nicht an ihnen. Sie wissen schon gut, was die Leute interessiert.

Sie wollten mir keinen Zutritt in ihre Lounges gewähren, weil andere zahlungskräftiger per Publikum erschienen. Und auch im Netz liest mich so gut wie niemand außer Geheimdiensten und Pornopages. Mein Beifall entspricht dem unbeliebter Marktschreier.

Doch wenn ich singe, möchte ich singen, dann aber auch von Menschen gehört werden, und schließlich, daß wir alle zusammen singen. Wo ich ein Märchen erzählte oder ein Gedicht, möchte ich den und die "ich-noch-einmal" erleben, denen die Welt ebenso gefällt. Und ich singe doch keinen Monolog, sondern begeistere mich erst richtig, wenn die anderen Bandmitglieder ihren ebenso wichtigen Part übernehmen. Ich bin kein Star, ich will Menschen!

Das vergessen viele in der Enttäuschung und in der großen Enttäuschung Alter: Daß wir Menschen sind.

Von Wondratschek, der zu Recht den alternativen Literaturpreis bekommen hat, hatte ich aufgrund seiner Begeisterung, mit der er früher dem Leben gegenübertrat, angenommen, sein Blick sei weit. Jetzt höre ich, er veröffentliche nicht, weil sein Wert nicht richtig gewürdigt werde.

Was wird geschehen?

Ein Bucharchäologe wird einst eine zerfallene Schublade öffnen und in Begeisterung über einen verschollenen Roman des Schriftstellers ausbrechen. Vielleicht wird es einen Hype, vielleicht weiter nichts geben.

Und weiter?

Die Frage ist doch -nachdem wir nun wissen, wie wichtig es für dich ist- ist es auch anderen Wert? Wenn es wert sein könnte, warum erhältst du es ihnen vor? Ist Dir Dein Weihrauch wichtiger als ihre Freude?
Es scheint tatsächlich ein gewaltiges Desinteresse an meinen Texten zu geben. Aber der eine oder die andere freut sich doch darüber. Demgegenüber erscheint mir das Desinteresse uninteressant. Mein Narzißmus zählt auf Menschen. Vielleicht auf wenige, aber auf Menschen.

Wer nimmt die Rolle eines Schriftstellers an und weigert sich dann, etwas zu sagen? Ich möchte dann schon auch etwas von ihm lesen können.

Das Schicksal aller Ergebnisse unserer anstrengenden Freuden wird sein: "Die Mumie des Ramses verzollt als getrockneter Fisch"( Max Frisch im dritten Tagebuch). Keine schöne Aussicht. Wenn wir das Jetzt vergessen und das Geschenk, Leben gedurft zu haben.

Vergessen wir nicht, daß wir"nur" Menschen, vergänglich und mit einem Leben beschenkt sind!

Ein besonders depressiver Tänzer, der für seine Lebenslust berühmt wurde, lachte einmal: "Es menschelt!" Ihm übermenschelte.

Andere Alte sind sich und der Bedenklichkeit Mensch nah geblieben. Mir gefielen da Mankell und Max Frisch besonders. Wie schön, könnte ich Wolf Wondratschek an ihrer Seite lesen. Er ist doch kein Walser!



Freitag, 22. September 2017

Zu Tagebuch 3 Max Frischs

Siehe aus Tag und Traum

https://austagundtraum.blogspot.de

Dienstag, 19. September 2017

Ferdinand Sauerbruch

Auch ein monarchistischer Bart, der sich zur Adolfbremse wandelte.

Mit welcher Achtung wurde doch von ihm gesprochen! Dann lass ich das:

"Das war sein Leben Seite 575/576

Bald jedoch legte ich alle meine Ämter nieder.

Schließlich und endlich: lud man mich noch vor das Entnazifizierungsgericht. Einer der Leute dort, die über mich zu richten hatten, fragte mich: "Welche Personen können Sie benennen, die wohl bereit wären, zu Ihren Gunsten auszusagen?“
Ich entgegnete nur: "Ich hoffe, daß zu meinen Gunsten die vielen Verwundeten und die vielen Kranken aussagen, denen ich geholfen und denen ich das Leben gerettet habe."
Ich weiß ja nicht genau, wie sich das im einzelnen ab- spielen wird, wenn ich einmal zur großen Armee abberufen werde. Sicherlich  ist da auch wieder ein Ankläger. Vielleicht wird er mir vorwerfen, ich hätte in großen Zügen gelebt und alles Kleine und jegliche Kleinlichkeit verachtet. Er wird bemängeln. daß die „stille Gelehrtenstube" nicht ganz meine Art war. Den vielen Champagner, den ich getrunken, die vielen Frauen, in
die ich mich verliebt habe, wird man mir vorrechnen. Viel- leicht wird der Ankläger mir auch vorwerfen. daß ich mich keineswegs an die Vorsdiriften Platons gehalten habe, obgleich das Schicksal mir diesen Autor schon in meiner Jugend so nachdrücklich präsentierte. Sogar Kitharistinnen habe er kennengelernt, wird es vielleicht von mir heißen, und er wird fragen:

‚Wer eigentlich. meine arme Seele, sollte wohl für dich zeugen?‘

lch bin ganz getrost, ich werde wieder antworten:

"lch hoffe, daß zu meinen Gunsten die vielen Verwundeten und die vielen Kranken aussagen werden, denen ich geholfen und denen ich das Leben gerettet habe, mein lieber Ankläger."

"Mein lieber Ankläger", so werde ich ihn anredem denn da oben darf man ja nicht grob sein!"

Medizinerjargon a la letzte Tage der Menschheit

In Wikipedia findet sich denn auch neben abwiegelnden Bemerkungen über gute Freundschaft...

"Ab 1935 fungierte Sauerbruch als Kurator des am Rudolf-Virchow-Krankenhaus in Berlin neu gegründeten Allgemeinen Instituts gegen die Geschwulstkrankheiten.[13] 

1937 wurde Sauerbruch in den Reichsforschungsrat berufen, nachdem er seit Mitte der dreißiger Jahre dem Hauptausschuss der Deutschen Forschungsgemeinschaft angehört hatte.

Der Reichsforschungsrat unterstützte auch „Forschungsprojekte“ der SS, zu denen die Menschenversuche in nationalsozialistischen Konzentrationslagern gehörten.[14] 

1942 wurde er zum Generalarzt des Heeres ernannt und bewilligte in dieser Position im selben Jahr Mittel für Senfgasversuche an Häftlingen im KZ Natzweiler."

"... Dagegen wandte er sich später deutlich gegen die Aufarbeitung der Beteiligung deutscher Ärzte an nationalsozialistischen Verbrechen durch Alexander Mitscherlich.

Am 12. Oktober 1945 wurde er unter dem Vorwurf, in der Zeit des Nationalsozialismus zur Steigerung des Ansehens der nationalsozialistischen Diktatur beigetragen zu haben, vom Alliierten Kontrollrat aus dem Stadtratsamt entlassen."